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„Wer ans Jenseits glaubt, ist trotzdem tot“ ein provokanter Titel für ein Seminar oder einen Vortrag.
Manche bringt die Überschrift zum Lachen, manche irritiert sie und manche verärgert die Überschrift schon, noch bevor sie weiter eintauchen in die Frage, worum es da eigentlich geht.
Es ist in den letzten Jahren nicht das erste Mal, dass ich von in Fragen des Glaubens eifrigen Mitmenschen mehr oder weniger nette Post bekomme. Meistens habe ich bisher auf derartiges nicht geantwortet und es ignoriert. Dies war auch meine erste Absicht nach dem ich die Mail von Frau Maria (Name geändert) gelesen habe. Aber dann bekam ich Lust und ich setzte mich hin, um auf diese Mail zu antworten. Ich hoffe es ist mit meiner Antwort gelungen fühlbar zu machen, welches die Motive hinter meiner Arbeit sind. Beides, die Mail von Frau Maria und meine Antwort darauf, möchte ich ungekürzt offenlegen.
Sehr geehrter Herr Prein!
Sie haben bei einer Veranstaltung in unserer Gemeinde zum Titel: „Wer ans Jenseits glaubt, ist trotzdem tot“ gesprochen. Leider waren mein Mann (er ist Wortgottesdienstleiter) und ich an diesem Tag verhindert. Mich hat aber vorab der Titel des Vortrags stutzig gemacht und ich habe mir Ihre Homepage angeschaut. Dabei habe ich festgestellt, dass Sie ein Botschafter des Unglaubens sind und mich gefragt, was dies in unserer Gemeinde und Pfarre zu tun hat. Ich habe unseren Pfarrer und Abt darauf aufmerksam gemacht und ihn gebeten entweder selbst hinzugehen oder einen Vertreter der Pfarre zu schicken, um Ihnen entgegenzutreten. Der Abt hat mir leider nur ausweichend geantwortet, ist selbst nicht hingegangen, ob er jemand beauftragt hat, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls im Nachhinein erfahren, dass es vereinzelt Stimmen gegeben hat, die gegen Ihre Anschauungen aufgetreten sind, daneben hat es Leute gegeben, die sich zwar nicht gemeldet haben, aber trotzdem über Ihre Ansichten befremdet waren.
In der letzten Woche habe ich nun Zeit gefunden, mir Ihren Podcast zu diesem Thema anzuhören und nehme an, dass der Vortrag ähnlich aufgebaut war, oder zumindest ähnliche Anschauungen vertreten wurden. Ich kann nur sagen: „Viel Lärm um Nichts“! Es ist erschütternd wie den Menschen heutzutage Geld aus den Taschen gezogen wird, für Aussagen, die ins Nichts führen. Aber in unserer säkularisierten Welt ist das alles möglich. Dabei gibt uns unser Glaube eine Hoffnung über diese Welt hinaus und lässt uns nicht ins Nichts fallen, wenn wir Gottes Wege erkennen und auf ihnen gehen.
Die Bibel lässt uns nicht im Dunklen über ein ewiges Leben. Ich verweise nur auf Johannes 3, 16 wo es heißt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“
Ich hoffe, dass auch in Ihrem Leben noch eine Wendung kommt, die Sie umdenken lässt!
Frau Maria
Sehr geehrte Frau Maria, vielen Dank für Ihre Nachricht!
Ja, sehr schade, dass Sie an diesem Abend nicht dabei sein konnten. Denn wären Sie da gewesen, hätten Sie einerseits Ihren Standpunkt äußern können und andererseits hätten Sie wahrscheinlich bemerkt, dass ich nicht mit missionarischem Eifer durch die Lande ziehe, um Menschen von irgendeinem Glauben weg, oder zu irgendeinem (Un-)Glauben hin zu bringen.
Das Thema Tod treibt mich um.
Besonders interessiert und bewegt mich die Frage: Wie leben wir Menschen eigentlich mit dem Wissen, dass wir tot sein werden?
Und ich weiß durch die Begegnung mit den vielen Menschen in meinen Seminaren und Vorträgen, dass der Tod uns mehr beschäftigt als uns vielleicht manchmal bewusst ist.
Angst dürfte eine ganz normale Reaktion und Empfindung auf dieses Wissen um unser Ende sein. Angst, die vielen Menschen spürbar ist oder auch nicht. Vieles hat die Menschheit bisher getan und aufgerichtet, um diese existentielle Not, vor der wir letztlich alle stehen, zu beruhigen, sich mit ihr abzufinden, ihr habhaft zu werden. Da ist Religion nur ein Aspekt, den die Menschen hervorgebracht haben, um das Leben, so wie es ist, zu ertragen. Natürlich ist dies bei weitem nicht der einzige Grund, warum es Religion und Religiosität gibt!
Aber der Tod und unser Wissen darum dürfte doch eine treibende Kraft sein. „Ohne Tod keine Religion“, hat ein italienischer Bischof einmal gesagt…ich vermute, er hat da gar nicht so unrecht.
Bei dem Vortrag in Ihrer Gemeinde ging es nur darum, die Menschen einzuladen mit mir zu schauen, was das Wissen um den Tod mit uns macht, was wir mit diesem Wissen tun und vieles mehr. Es kann auch für römisch-katholisch gläubige Menschen interessant sein, sich mal auf andere Sichtweisen und Welten einzulassen, Menschen zuzuhören, die an nichts glauben und zu erfahren, wie diese die Welt und das Leben, aber vor allem den Tod deuten. Genauso wie ich gerne allen anderen Menschen zuhöre und miteintauche in deren Welt des Glaubens, in die schönen Bilder des Trostes und des Gehaltenseins von einer höheren Macht. Ganz egal, ob es das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder Hinduismus ist. Es ist alles wundervoll.
Eine Erkenntnis, die ich in den Jahren der Auseinandersetzung mit der Thematik auf den unterschiedlichsten Ebenen gewonnen habe, ist die, dass es nur sehr wenigen Menschen vergönnt sein wird, mit dem Gefühl der angstfreien Ruhe in den Tod zu gehen. Eines traue ich mir mit aller gebotenen Vorsicht zu behaupten: Wir haben keinen Einfluss darauf, wie wir die Stunde unseres Todes erleben werden! Werden wir dann vielleicht doch von Angst und Entsetzen erdrückt, flehend daliegen? Wo und wann sterbe ich und vor allem, wie? Im Kreise meiner Liebsten und durch die Medizin weitgehend befreit von Schmerz und Angst? Auf der Autobahn am Asphalt liegend innerlich verblutend? Wie?
Wie werde ich sterben und wie werde ich es erleben, wie wird es mir dabei gehen? Das alles wissen wir nicht und darauf haben wir keinen Einfluss. Es ist uns absolut unverfügbar!
Und selbstverständlich versuchen wir seit Menschgedenken uns die Welt und die Natur und auch den Tod verfügbar zu machen. Religion, Wissenschaft und alles, was wir hervorbringen und -brachten, dient letztlich auch dazu, uns fühlen zu lassen, wir könnten doch verfügen und wenn auch die Wissenschaft nicht alles weiß und den Tod nicht verhindern kann, so glauben die Religionen zu „wissen“, was nach dem Tode kommt und vor allem, dass es weitergeht.
„Der Tod hat nicht das letzte Wort“, sagt die Kirche. All das, was wir dazu hervorgebracht haben, ist allzu menschlich, wunderbar und wunderschön!
Ein Freund von mir ist Pfarrer und wir diskutieren sehr gerne und viel. Er meinte vor kurzem einmal: Ja, auch er wird nicht wissen, wie es ihm in der Todesstunde gehen wird, ist er von Todesangst umgriffen und führt einen schmerzvollen Kampf ums Dasein oder hilft ihm sein Glaube sein Ende mit gelassener Ruhe zu erwarten? Er weiß es nicht. Aber er meinte, wie es auch immer sein wird, er wisse, tiefer als in die Hand Gottes könne er nicht fallen.
Das ist doch ein wunderschöner Glaube, reich an Trost und Geborgenheit.
Wenn Sie, Frau Maria, denken, ich trete an, um gegen Gläubige und Glauben vorzugehen oder diese von etwas wegzubringen, dann vermute ich, tun sie mir sehr unrecht.
Ich habe gerade erwähnt, dass wir über die Todesstunde und unser Erleben dabei wahrscheinlich nicht verfügen können, wir wissen nicht, wie es uns dabei gehen wird, wir wissen nur, dass es mit absoluter Sicherheit passiert. Das ist es, was ich den Menschen spürbar machen möchte, und dies deshalb, weil es das ist, was uns Menschen verbindet!
Weil es uns alle verbindet, völlig egal, woran wir glauben und was wir nicht glauben!
Wir sind Menschen, geworfen in diese Welt, wir wissen, dass wir sterben werden, wir wissen, dass wir über die Todesstunde nicht verfügen können, wir wissen nicht, was wir zu Lebzeiten noch alles erleiden und ertragen müssen…das alles verbindet uns!
Kritisch und mit Vorsicht zu betrachten sind jedoch all jene Vorgänge, Institutionen und vor allem Menschen, die meinen im Besitz einer Wahrheit zu sein und die bereit sind für diese Wahrheit andere Menschen abzuwerten, zu diskreditieren und letztlich…ja letztlich zu bekehren und wenn das auch nicht geht, vielleicht sogar vernichten zu wollen.
Aber auch diese Menschen, die meinen im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit zu sein, sind mir nicht verhasst, ganz im Gegenteil. Ist es doch spürbar, was dieser vermeintliche Besitz einer ewig gültigen „Wahrheit“ an Angst lindert. Eine Angst, die ohne diese „Wahrheit“ unerträglich werden würde. Wie viel Trostbedürftigkeit, wie viel Wunsch nach Geliebt- und Geborgensein, nach Gerechtigkeit steckt wohl hinter dieser Vehemenz an Wahrheitsverteidigung und Gewalt.
Ob das nun eine Naturwissenschafterin ist, die ihre Theorie bis aufs Blut verteidigt oder eine tiefgläubige Muslima ihren Glauben, ein Kommunist seine Staatsform.
Die Frage, ob es einen Gott oder ein Leben nach dem Tod gibt, kann wissenschaftlich, aber auch theologisch redlich nur mit: „Wir wissen es nicht!“ beantwortet werden.
Diese Antwort ist für uns aber sehr schwer auszuhalten, für manche ist sie unerträglich. Die einen Menschen können an etwas glauben, die anderen nicht, aber wissen tun wir sehr wenig bis gar nichts.
So sind wir Menschen, so bin auch ich!
Ich kenne mich nur zu gut darin, zu meinen im Besitz einer Wahrheit zu sein und diese der Welt aufdrängen zu müssen. Sehr vielen Menschen habe ich damit schon unrecht angetan. Wir sind eben alle auch alles…mal so, mal so.
Aber eine wertvolle Hilfestellung, sich in seinen Tiefen kennenzulernen, seine Ängste zu schauen, zu erkennen, was wir alles tun, um uns zu schützen, um uns geliebt zu fühlen und vieles mehr bietet mir die unverfälschte Beschäftigung mit dem Tod.
Und dazu möchte ich auch andere Menschen einladen mit mir in meinen Seminaren und Vorträgen in diese Fragen einzutauchen.
Mit dem tiefen Wunsch, dass uns dieses Eintauchen in diese Fragen menschlicher macht, uns näher zu uns selbst und unseren Mitmenschen bringt, völlig gleichgültig, was oder ob wer glaubt und zu erleben, dass dieses Eintauchen ein Quell von Lebensfreude und innerer Zufriedenheit sein kann.
Wenn Sie, werte Frau Maria, dies als „Viel Lärm um Nichts!“ bewerten möchten, so sei Ihnen dies selbstverständlich unbenommen.
Viel wertvoller und menschlich hilfreicher als alles Diskutieren wäre natürlich zu erfahren, was Sie, Frau Maria, antreibt mir diese Mail zu schreiben und meine Arbeit abwerten zu müssen. Was sind Ihre Empfindungen dahinter? Nicht Glaubenswahrheiten aus Ihrer heiligen Schrift, sondern was ist Ihr wirkliches Bestreben, was sind Ihre Gefühle, wenn Sie meine Arbeit betrachten?
Es bedroht mich nicht in geringster Weise, wenn Sie mit Überzeugung sagen, dass es den Gott, an welchen Sie glauben, gibt! Aber warum bedroht es Sie offenkundig so sehr, wenn ich sage, dass ich glaube, dass es diesen Gott nicht gibt?
Nur zu gerne lade ich Sie zum Gespräch darüber ein.
Vielleicht verbindet uns beide mehr als wir vermuten.
Da Sie Ihre Mail mit einem trostreichen Zitat geschlossen haben, erlaube ich mir dies auch zu tun, möchte aber zwei Zitate zum Besten geben, da ich mich in diesem Fall nicht für eines entscheiden kann:
„Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht, ich glaube keinem, der sie gefunden hat.“ (Kurt Tucholsky)
„Schwerer noch, als nach seiner Überzeugung zu leben, ist es, sie anderen nicht aufzuzwingen.“ (Marcel Proust)
So wünsche ich Ihnen alles Gute und viel Gesundheit,
Martin Prein
pro Person inkl. Mittagessen
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